Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens

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Von Christian Rabanus, Wiesbaden

Überarbeiteter Text eines Vortrags auf der am 4.12.2019 von der Kulturabteilung der Autonomen Provinz Bozen veranstalteten Diskussionveranstaltung „Unsicherheit, Kontrolle“ in Bozen, Südtirol

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Dem Titel dieses Beitrags entspricht ein Appell: Ich werde in diesem Beitrag ein Plädoyer dafür halten, mehr Unkontrollierbarkeit im Leben zu akzeptieren; wohlgemerkt kann es m.E. nicht darum gehen, mehr Unkontrollierbarkeit zuzulassen, denn das würde implizieren, dass die Bestimmung des Maßes an Unkontrollierbarkeit im Leben in den Händen des Menschen liegen würde. Ob wir es nun wollen oder nicht: Das Leben bringt ein gerüttelt Maß an Unkontrollierbarkeit mit sich. Und oft wird viel daran gesetzt, genau dieses nicht zu akzeptieren, sondern die Vision aufzubauen, dass das Leben weitgehend kontrollierbar sei. Dieser Vision anzuhängen verstellt aber die Möglichkeit, sich mit der Realität der Unkontrollierbarkeit auseinander zu setzen und einen kreativen Umgang mit ihr zu finden.

Doch bevor es um diesen Umgang mit der Unkontrollierbarkeit gehen soll, sei erläutert, was ich unter der „Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens“ verstehe.

Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens – was ist damit verbunden?

Zunächst sei kurz geklärt, in welchem Sinne hier von einer „Vision“ die Rede ist. Der Begriff „Vision“ stammt ja aus dem Wortfeld sinnlicher Erlebnisweisen. Eine Vision in wörtlichem Sinne ist ein sinnliches Gewahrwerden von etwas mittels des Gesichtssinnes, es stammt vom lateinischen Wort videre ab, das in der Regel mit „sehen“ übersetzt wird. Aber schon im Mittelalter, noch viel mehr in der Moderne wurde dieser Begriff mit einer in gewissem Sinne kontrafaktischen und utopischen Bedeutung verwendet: Wer eine Vision von etwas hat, sieht etwas, das kein Gegenstand einer auf rezeptive Sinnlichkeit gegründeten Erscheinung ist. Im späten Mittelalter wurde der Begriff der Vision für Traumgesichter verwendet. Eine Vision bezieht sich oft auf zukünftige Ereignisse und steht für einen Wunschtraum oder eine Prophezeiung. Oft hat eine Vision auch einen religiöse geprägten Offenbarungscharakter. Auf jeden Fall ist der Gegenstand der Vision in der Regel einer empirischen Nachprüfbarkeit nicht zugänglich – weder in dem Sinne, dass überprüft werden könnte, ob der Gegenstand der Vision einen Realitätsbezug hat, noch in dem Sinne, dass überprüft werden könnte, ob die Vision als Erlebnis wirklich so, wie von ihr berichtet wurde, auch tatsächlich stattgefunden hat oder sie nur erfunden wurde.

Während nun die Vision in der Regel einen eher mit einem zweifelhaften Ruf belegt ist, ist der Begriff des Visionärs positiv besetzt. Ein Visionär ist jemand, der voraus denkt, der sich in seinem Denken und seinem Handeln nicht von Konventionen und üblichen Gepflogenheiten einschränken lässt. Alexander von Humboldt war ein solcher Visionär, auch Alexander der Große, in der Neuzeit könnte man beispielsweise Mahatma Ghandi und Martin Luther King Jr. nennen, wieder in einem anderen Sinne waren auch Willy Brandt und
Michael Gorbatschow Visionäre.

Wer – wie es von Helmut Schmidt kolportiert wird – der Meinung ist, dass wer Visionen hat, zum Arzt gehen solle, verkennt letztlich die motivierende und befreiende Kraft, die Visionen haben können – und auch Helmut Schmidt hat seinen abschätzigen Satz auf Nachfrage in einem Interview 2010 relativiert: Es habe sich um eine „pampige Antwort auf eine dusselige Frage“ (Verstehen Sie das, Herr Schmidt? Ein Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. In: Zeit Magazin Nr. 10 vom 4.3.2010) gehandelt.

Soweit also hier von einer Vision die Rede ist, meint dieses Wort im aktuellen Kontext eine nicht empirisch überprüfbare Auffassung, dass sich etwas so und so verhalten würde.

Das So-und-so im aktuellen Kontext ist die Kontrollierbarkeit des Lebens. Damit ist ein Verständnis des Lebens als eines Prozesses gemeint, der kausal bestimmt und bestimmbar ist, wobei diese Bestimmung willentlich gesteuert ist, bzw. willentlich gesteuert sein kann.

Kontrolle kann dabei autonom oder heteronom sein: Wenn und soweit Leben kontrolliert wird, kann dies durch den eigenen Willen geschehen, kann aber auch durch äußere Macht unternommen werden.

Wenn nun von der Vision der Kontrollierbarkeit des Leben hier die Rede ist, dann ist darunter die Auffassung des Lebens als autonom kontrollierbarer Prozess im Sinne einer positiv besetzten Vision die Rede. Kontrolle verspricht dabei Berechenbarkeit und die Vermeidung von (negativen) Überraschungen und Veränderungen, die nicht selbst und nicht willentlich initiiert oder herbei geführt wurden. So verstandene Kontrollierbarkeit stärkt das subjektive Sicherheitsempfinden.

Viele Menschen zumindest in der westlichen Hemisphäre scheinen die Vision der Kontrollierbarkeit in dem geschilderten Sinne zu teilen – wie sich in ganz unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens zeigt: Das von der Werbung vertretene Narrativ beispielsweise, dass durch den Erwerb bestimmter Produkte oder die Inanspruchnahme von bestimmten Dienstleistungen das persönliche Leben besser, und zwar auf kontrollierte Art und Weise besser wird, bestätigen dies. Der Subtext von Werbung kann nach Auffassung des Wiesbadener Soziologen Marcus Bohl wie folgt auf den Punkt gebracht werden:

„Es steht dir zu, du kannst es haben und du kannst es kontrollieren.“ (mündlich dem Autor gegenüber)

Aber auch gesellschaftspolitisch lässt sich der Wunsch nach Kontrolle beobachten: Slogans wie „Take back control“ (Werbung für den Brexit) und politische Ziele wie „kontrollierte Migration“ sind Beispiele dafür. Schließlich zeigt sich der Wunsch nach Kontrolle im ganz privaten Leben auch in der Lebensberatung: Eines der häufigsten Anliegen, die in Therapie und Beratung zur Sprache gebracht werden, ist der Wunsch, die Kontrolle über das Leben auszuweiten, bzw. eine – vermeintlich oder wirklich – verlorene Kontrolle wieder zurück zu erlangen. Gegenstand der gewünschten Kontrolle ist in der Regel die eigene Berufsgestaltung und die Gestaltung des eigenen Lebens im Spannungsverhältnis des Individuums zu Ansprüchen von und Verpflichtungen gegenüber Familie und Beziehungspartnern, empfundene Fremdbestimmung durch Vorgesetzte, Eltern, Kinder und andere Menschen im persönlichen Umfeld soll abgebaut werden.

Freilich sind diese Wünsche oft nicht in sich widerspruchsfrei: Gerade der Wunsch nach eigenständiger Kontrolle des Lebens und der damit verbundene Wunsch, dass staatliche Institutionen für die Möglichkeit sorgen, ohne Bedrohungen und in möglichst weitgehender Absicherung diese eigenen Lebensgestaltung garantierten, geht oft mit Maßnahmen einher, die die persönliche Selbstbestimmung und die persönlichen Bürgerrechte beschneiden – und damit also zur Folge haben, dass die eingeforderte Kontrollierbarkeit des eigenen Lebens in viele Fällen in die Hand der Obrigkeit gelegt wird und nicht in der eigenen Hand landet, bzw. verbleibt. Die überwältigende Zustimmung im März und April 2020 zu den zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie von der deutschen Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen, die weitreichend Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger einschränkten, ist ein gutes und bemerkenswertes Beispiel dafür. Für das Versprechen des Staates, auch in Zeiten der Pandemie gesundheitliche Sicherheit zu garantieren, haben alle relevanten gesellschaftliche Gruppen ohne laut vernehmbares Murren Einschränkungen hingenommen, die in normalen Zeiten undenkbar wären.

In diesem Text werde ich dafür argumentieren, sich zumindest von der Vision der weitgehenden Kontrollierbarkeit des Lebens zu verabschieden und ein größeres Maß an Unverhersagbarkeit und damit auch Unkontrollierbarkeit des Lebens zu akzeptieren. Damit plädiere ich für eine Verabschiedung von der zumindest kritiklosen Akzeptanz des Paradigmas der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, welches unsere Gesellschaft wesentlich bestimmt – und damit plädiere ich auch dafür, das zu akzeptieren, was eigentlich sowieso evident ist und von jedem Mitglied unserer Gesellschaft regelmäßig erfahren wird, nämlich dass sich die Gestaltung des eigenen Lebens aufgrund der Eingebundenheit in einen gesellschaftlichen und natürlichen Zusammenhang sich sowieso weitgehend einer eigenwillentlichen Bestimmung entzieht. Phänomene wie der Klimawandel und ganz aktuell auch die durch den SARS-CoV-2-Virus verursachte Pandemie machen das genauso deutlich wie das regelmäßige Scheitern persönlicher Lebenspläne aufgrund Veränderung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse bezüglich der Gestaltung des privaten und des beruflichen Lebens, bzw. aufgrund der Veränderung dieser Wünsche und Bedürfnisse von verbundenen Menschen.

Interessanterweise empfinden sich viele Menschen weiterhin gerade da als machtlos, wo doch eigentlich der Bereich der eigenen Kontrollkompetenz beginnt – nämlich z.B. im Bereich des Umgangs mit dem, was aus der Umwelt auf den Menschen zukommt und im Bereich der eigenen Willensbildung: Kein Mensch kann gezwungen werden, SUV fahren oder das Angebot für eine günstige Flugfernreise oder Kreuzfahrt wahrnehmen zu wollen. Trotzdem fühlen sich viele Menschen dem Klimawandel gegenüber vollkommen machtlos und folgern aus dieser gefühlten Ohnmacht ein Verurteiltsein zum Abwarten darauf, dass die Politik, die Wirtschaft oder sonst alle anderen etwas gegen die als übermächtig empfundenen Phänomene unternehmen.

Ich will nun kurz erläutern, was ich unter dem wissenschaftlich-technischen Paradigma verstehe und warum das etwas mit der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens zu tun hat.

Das wissenschaftlich-technische Paradigma

Das wissenschaftlich-technische Paradigma basiert auf zwei fundamentalen Überzeugungen, aus denen sich eine Reihe von praktischen Konsequenzen ergeben.

Die erste Überzeugung des wissenschaftlich-technischen Paradigmas besteht darin, dass der theoretische Weltzugang mittels der Wissenschaften erfolgen sollte – und zwar mittels der Wissenschaften nach Art der mathematischen und formalisierten Naturwissenschaften. Dies bedeutet, dass das wissenschaftlich-technische Paradigma quasi den Filter darstellt, durch den die Welt in den theoretischen Zugriff kommt. Das bedeutet weiterhin, dass alles das, was sich diesem (natur-)wissenschaftlichen Weltzugang entzieht, letztlich als nicht lebensrelevant und wirklich anzusehen ist, da es ja „nur“ subjektiv, träumerisch, phantastisch, etc. ist. Insbesondere, so die Überzeugung des naturwissenschaftlich-technischen Paradigmas, sollen allzu subjektive und phantastische Gegebenheiten keine Grundlage für persönliches und auch keine Grundlage für politisches Handeln darstellen – sondern nur „harte“ Fakten, also Fakten der Naturwissenschaften.

Weiterhin bedeutet diese erste Überzeugung, dass in der Welt, die entsprechend dieser Überzeugung primär eine Welt der Naturwissenschaften ist, das Kausalitätsgesetz herrscht. Genau das macht die Naturwissenschaften bezüglich der Frage der Kontrollierbarkeit so attraktiv. Das Kausalitätsgesetz besagt dabei, dass ein Ereignis A auf ein Ereignis B nach einer notwendigen Regel folgt. Kennt man die Regeln (die von den Naturwissenschaften geliefert werden sollen), so weiß man, dass auf Herbeiführung von Ereignis A das Ereignis B folgt. Im Beispiel des Klimawandels: Nach der geltenden naturwissenschaftlichen Auffassung folgt aus einem nicht verminderten CO 2 – Ausstoß unweigerlich eine weitere Erwärmung der Erdatmosphäre, was wiederum gewaltige Naturkatastrophen wie Dürren, einen Anstieg des Meersspiegels mit allen Folgen oder Unwetter nach sich ziehen wird.

Freilich folgt nach dem Kausalitätsgesetz logisch nicht die Umkehrung: Dass nämlich das Ereignis B dadurch verhindert wird, dass das Ereignis A verhindert wird. Es folgt lediglich aus der Tatsache, dass das Ereignis B nicht eingetreten ist, dass auch das Ereignis A nicht eingetreten sein kann. Wieder im Beispiel: Wenn sich die Erdatmospäre nicht weiter erwärmt, so kann sich auch der CO 2 – Ausstoß nicht weiter erhöht haben. Es folgt aber nicht: Wenn wir den CO 2 – Ausstoß nicht weiter erhöhen oder sogar reduzieren, wird sich die Temperatur in der Erdatmosphäre nicht weiter erhöht. Auch bei reduziertem CO 2 -Ausstoß kann sich aus anderen Gründen die Erwärmung der Erdatmosphäre fortsetzen.

Und noch etwas wird durch diese erste Überzeugung impliziert: Sätze über naturwissenschaftliche Tatsachen sind entweder wahr oder falsch – tertium non datur. Wahrheit ist eine Sache der Einsicht, nicht des Glaubens, nicht der Meinung, auch nicht der Überzeugung.

Die Idee hier besteht also darin, dass sich letztlich alle relevante Fragen, die ja Fragen der Naturwissenschaften sein müssen, tatsächlich eindeutig beantworten lassen müssen. Die Naturwissenschaften, so die Überzeugung, lassen kein „vielleicht“ zu. Und soweit das so ist, sind Personen, die eine andere Überzeugung vertreten, nicht durch Argumente zu überzeugen, sondern durch Fakten zu belehren. Überzeugen ist eine Kategorie, die in den Naturwissenschaften nicht sinnvoll zu gebrauchen ist.

Im Rahmen des naturwissenschaftlich-technischen Paradigmas gilt also, dass wichtige Entscheidungen ausschließlich auf der Basis der sogenannten harten Fakten getroffen werden müssen. Die mathematisierten und formalisierten Naturwissenschaften sollen diese harten Fakten liefern. Ein gutes Beispiel für diese Auffassung ist etwa das vom Blogger Rezo am 15. August 2019 gepostete Video „Die Zerstörung der CDU“ (https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ (abgerufen am 4.4.2020)), in der Rezo faktenreich darstellt, wo das faktische Handeln der CDU (und auch anderer Parteien) den Empfehlungen und Erkenntnissen der Wissenschaft vor allem in Bezug auf den Klimaschutz widerspricht. In Rezos Video wird so auch nicht der Versuch unternommen, die CDU (und andere Parteien) davon zu überzeugen, auf die Erkenntnisse der Wissenschaften zu hören, sondern in seinen Augen ist es schlicht falsch, anders als entsprechend wissenschaftlichem Ratschlag zu agieren.

In dieser Weltsicht gibt es eigentlich nur zwei Folgerungen aus der Art und Weise, wie die von Rezo in den Focus genommenen Parteien handeln: Entweder sind die verantwortlichen Personen der Parteien schlicht intellektuell nicht in der Lage, die Ergebnisse der Wissenschaften zu erfassen und umzusetzen – oder sie wollen es nicht, weil es andere, verborgene Gründe dafür gibt, warum diese Ergebnisse nicht für sie handlungsleitend sind. Rezo vermutet bei bestimmten handelnden Personen mal das eine (Inkompetenz), mal das andere (eine verschwiegene Agenda). Es wird also in den Fällen, in denen nicht Inkompetenz vermutet wird, eine im Verborgenen wirkende, grundsätzlich dem Kausalitätsgrundsatz folgende Handlungsmotivation vermutet. Dass das Agieren der Parteien andere Gründe als Nichtwissen oder bewusst verschwiegene Motivationen haben kann, nämlich z.B. ein von Rezos Überzeugung abweichendes Resultat der Abwägung unterschiedlicher Interessen und Optionen, wird in Rezos Video nicht als Möglichkeit erwähnt.

Rezos Video kann gut als Werbung für die Akzeptanz des wissenschaftlich-technischen Paradigmas gesehen werden, seine Forderungen führen bzgl. der Gestaltung von Politik mehr oder weniger direkt in eine Technokratie. Die gleiche Tendenz zeigte sich auch während der COVID-19-Pandemie: Es wurde vor allem nach Erkenntnissen der Wissenschaften oder auch den Meinungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gefragt, wenn es um die Frage ging, welche Schritte als nächste anstehen – und dann gefordert, dass die Politik wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen auch direkt umsetze. Das Politische auch und gerade in diesen öffentlichen Äußerungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie die Tatsache, dass sich die Bewertung der Situation durchaus auch von Person zu Person unterschied, wurde nur selten gesehen oder thematisiert (vgl. dazu beispielhaft die Debatte um Christian Drostens Medienkritik, z.B.: https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-virologe-christian-drosten-erwaegt-rueckzug-
aus.2849.de.html?drn:news_id=1116032 (abgerufen am 4.4.2020)).

Doch nun weiter zur zweiten Überzeugung des wissenschaftlich-technischen Weltbildes: Es besteht in der Überzeugung, dass der praktische Weltzugang durch die Technik erfolgen sollte. Dementsprechend lassen sich alle Probleme und Aufgabenstellungen – sofern sie überhaupt sinnvoll fassbar und formulierbar sind – mit Mitteln der Technik lösen.

Das ist eine Überzeugung, die sich allenthalben in unserer Gesellschaft beobachten lässt – nicht nur in Zusammenhang mit der Klimaproblematik, dort aber auch. Es wird in diesem Zusammenhang nach einer verbesserten Technik gesucht, die schädliche Ausstöße reduziert. Oder es wird in Bezug auf Terrorismusprävention nach einer Technik gesucht, um Gefährder schneller und zuverlässiger zu identifizieren und isolieren zu können – diese Reaktion hat man z.B. nach dem Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 beobachten können.

Zwischen Technik und Wissenschaften besteht nun ein enger Zusammenhang: Technik basiert nämlich auf den Erkenntnissen der Wissenschaften und ist angewandte Wissenschaft.

Schaut man sich nun die Geschichte des naturwissenschaftlich-technischen Paradigmas vor allem im Blick auf die Resultate der letzten ca. 150 Jahre an, so muss man konstatieren, dass sich das naturwissenschaftlich-technische Paradigma bislang aufgrund seines Problemlösungspotentials („Glücksversprechen“) als sehr erfolgreich gezeigt hat. Viele Segnungen, unter anderem im Bereich der Medizin und der Versorgung der gesamten Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern, hat dieses Paradigma gezeitigt. Wohlstand ist im Zeichen des naturwissenschaftlich-technischen Paradigmas viel gleichmäßiger in der Gesellschaft verteilt als in den Feudalgesellschaften, Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten haben für eine deutliche Stärkung und Belebung des demokratischen Bewusstseins unserer Gesellschaft geführt.

Freilich sind auch viele technische Erfindungen zumindest ambivalent zu beurteilen, da sie auch missbräuchlich für die Ausübung von Gewalt und Freiheitseinschränkungen gebraucht wurden und werden: Die moderne Technik hat immer perfidere Waffensysteme möglich gemacht. Nach der Entwicklung der Atombombe ist der Mensch erstmals in seiner Geschichte in der Lage, das gesamte Leben auf der Erde in kürzester Zeit zu vernichten.

Und nicht nur ist die Waffentechnik ambivalent zu beurteilen: Auch die Digitalisierung und die mit ihr verbundenen technischen Entwicklungen bergen viel Segen und ermöglichen z.B. ganz neue Dimensionen der Kommunikation, zeitigen aber auch negative Auswüchse wie immer stärkeren Missbrauch von persönlichen Daten, die Einschränkung von Bürgerrechten
durch Überwachung und Zensur sowie die Enthemmung des Diskurses in digitalen Medien.

Nichts desto trotz, zum Verständnis des Erfolgs des wissenschaftlich-technischen Paradigmas sind eine Reihe von Versprechungen festzuhalten:

  • Alles ist machbar. Letztlich gibt es nichts, was nicht mit technischen Mitteln realisierbar ist. Mit diesem Versprechen verbunden ist allerdings auch die Gefahr, dass der Mensch in Hybris versinkt und sich zum vermeintlich allmächtigen Herrscher über die Natur aufschwingt.
  • Das naturwissenschaftlich-technische Paradigma verspricht Kontrolle und Sicherheit: Was technisch initiiert ist, so das Narrativ, ist der Kontrolle durch den Menschen unterworfen. Und da das
    Allmachtsversprechen der modernen Technik so verlockend ist, herrscht ein expansiver Kontrollbegriff: Alles das, was gedacht und gewünscht werden kann, kann und wird auch umgesetzt – und kanndann auch kontrolliert werden.
  • Diese Kontrolle schließlich verspricht das Sicherheitsbedürfnis des Menschen zu befriedigen. Aus der Kontrolle nämlich folgt Vorhersagbarkeit, aus Vorhersagbarkeit folgt Sicherheit und Planbarkeit. Der Mensch lebt im naturwissenschaftlich-technischen Paradigma in der Überzeugung, dass er sich seine Welt genau so bauen kann, wie es seinen Vorstellungen entspricht. Und dass er in dieser Welt dann auch unangefochten herrscht.

Doch nicht zuletzt erst Ende 2019, Anfang 2020, mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie zeigen sich Brüche in diesem heilen Bild des wissenschaftlich-technischen Zeitalters. Auch schon in den Jahrzehnten vor 2020 zeigt sich zunehmend, dass nicht alle Versprechen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas auch wirklich eingelöst werden, bzw. zumindest nicht immer und an manchen Stelle vielleicht sogar immer weniger eingelöst werden
können.

Probleme und Brüche des wissenschaftlich-technischen Paradigmas

Die Einlösung des Glücksversprechen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas scheitert in den letzten Jahrzehnten immer wieder einerseits aufgrund technischer Gegebenheiten, also aufgrund der Tatsache, dass wir zur Lösung bestimmter Probleme (derzeit noch) keine passende Technik haben oder aus prinzipiellen Gründen keine passable Technik haben können, andererseits aber auch immer wieder aufgrund nicht-technischer Gegebenheiten, also aufgrund der Tatsache, dass die technischen Mittel und Wege zur Lösung bestimmter Probleme zwar bekannt sind, aber nicht angewendet werden.

So stößt die technische Machbarkeit beispielsweise angesichts des Klimawandels oder – ganz aktuell in Zeiten der Abfassung dieses Textes – angesichts der COVID-19-Pandemie an Grenzen. Zur Zeit – dies bezieht sich auf den 21.3.2020; diese genaue Zeitangabe scheint angebracht, da wohl derzeit kein Gebiet der modernen Wissenschaft so intensiv beforscht wird wie die Bekämpfung von COVID-19 und die Ausbreitung von SARS-CoV-2, es von daher auch möglich ist, dass innerhalb der relativ kurzen Zeit von ein paar Monaten hier Medikamente und/oder Therapien zur Verfügung stehen – ist kein wirksames technisches Mittel – und natürlich sind auch die Errungenschaften der modernen Medizin solche technischen Mittel – zu Eindämmung der Pandemie bekannt. Weder gibt es eine Impfung, die die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindern, noch ein Medikament, das gezielt und erfolgversprechend COVID-19 bekämpfen würde. Ähnlich sieht es bzgl. des Klimawandels aus: Auch gegen die weltweite Erwärmung der Atmosphäre ist derzeit (noch) kein technisches Mittel bekannt. Während sich allerdings die Wissenschaft optimistisch zeigt, dass die COVID-19-Pandemie in absehbarer Zeitmedizinisch in den Griff zu bekommen ist, gibt es wohl nur sehr wenige Forscher, die eine direkte technische Bewältigung der Erwärmungsproblematik ernsthaft für möglich halten; dies bedeutet nicht, dass die Wissenschaft nicht eine erfolgversprechende Strategie gegen die Erwärmung der Atmosphäre kennen würde, allerdings geht diese das Wärmeproblem nicht direkt an, sondern indirekt durch eine letztlich nicht-technische Lösung einer Verhaltensveränderung der Menschen.

Gerade das Klima ist ein gutes Beispiel für ein System, das in der Physik als „deterministisches Chaos“ bezeichnet wird. Solche Systeme, aber auch sehr viel einfachere wie das Doppelpendel, zeichnen sich dadurch aus, dass zwar die Gesetze der Entwicklung eines solches Systems prinzipiell bekannt sind, sie aber in ihrem Verhalten sensibel von ihrem Ausgangszustand abhängen – was wiederum bedeutet, dass minimale Veränderungen des Ausgangszustandes zu einer komplett anderen Entwicklung des Gesamtsystems führen können. Da aber die Genauigkeit der Bestimmung des Ausgangszustandes gerade bei einem System wie dem Klima sehr limitiert sind, kann schlichtweg über längere Frist keine verlässliche Vorhersage über die Entwicklung des Klimas gegeben werden. Das macht solche Systeme technisch nicht beherrschbar.

Die technische Unbeherrschbarkeit setzt allerdings auch schon viel früher ein: Auch wenn ein System nicht im engen naturwissenschaftlichen Sinne als deterministisches Chaos zu bezeichnen ist, können viele technische Modifikationen von Systemen aufgrund der Komplexität der modifizierten Systeme zu unvorhersehbarem Verhalten führen – insbesondere da ja Komplexität relativ zum jeweiligen Wissensstand einzuschätzen ist. So hatte man z.B. im 19. und 20. Jahrhunderts die Auswirkungen des intensivierten Bergbaus im Ruhrgebiet auf die ganze Region komplett unterschätzt, weil man die Komplexität dieser Veränderung nicht hinreichend im Blick hatte: Durch den Bergbau senkte sich die gesamte Region ab, in der Folge floss das Wasser der Flüsse Emscher und Lippe nicht mehr selbständig ab, sondern musste und muss gepumpt werden, um eine Versumpfung dieses Gebiets zu verhindern.

Heutzutage stellt die Frage der Endlagerung von radioaktivem Material eine Herausforderung dar, die nicht wie der 2018 eingestellte Bergbau im Ruhrgebiet zu immensen Ewigkeitskosten führen soll – eine KPMG-Studie aus dem Jahr 2006 beziffert die Ewigkeitskosten des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet auf gut 13 Milliarden Euro. Zwar wird das Problem der Endlagerung mit sehr viel mehr Bewusstsein für die Komplexität der Aufgabe angegangen, andererseits ist es aber allen Beteiligten an diesem Prozess klar, dass die bislang berücksichtigten und bekannten Auswirkungen einer Lagerung von radioaktivem Material z.B. im Salzstock von Gorleben durchaus relevante Lücken aufweisen können und sich auch dann, wenn nach gegenwärtigem Stand von Wissenschaft und Technik in Gorleben ein technisch beherrschbares Endlager einrichten ließe, diese Beurteilung im Lichte neuerer Erkenntnisse und Erfahrungen ganz anders aussehen könnten. Ganz allgemein gilt, dass mit der Kerntechnik aufgrund der Art dieser Technik, dass sie sich nämlich in den Grenzbereichen der Kernphysik abspielt, Unwägbarkeiten verbunden sind, die schlechterdings nicht seriös eingeschätzt werden können – und gleiches gilt auch für andere Techniken, z.B. auch die Gentechnik.

Das Glücksversprechen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas scheitert aber immer wieder nicht nur an technischen Gegebenheiten, sondern auch aufgrund nicht-technischer Umstände, also letztlich aufgrund der Art und Weise, wie der Mensch seinen Umgang mit der Technik in der Welt gestaltet, bzw. sich auch dem Diktat der Technik unterwirft.

Da gilt es zunächst zu konstatieren, dass sich das Kontrollverhältnis zwischen Mensch und Technik insofern verändert hat, als sich der Mensch immer mehr davon abhängig macht, dass die Technik funktioniert – was riskant ist, da Technik nie fehlerfrei ist. Je mehr die „Cyborgisierung“ des Menschen, also die technische Augmentierung des menschlichen Organismus und des menschlichen Lebens, voran schreitet, desto mehr ist der Mensch den Bedingungen der Technik unterworfen und kann nicht mehr einfach die Technik Technik sein lassen und sich auf sein eigenes Wesen besinnen. Dieser Effekt macht sich in ganz unterschiedlichen und vielfach auch alltäglichen Zusammenhängen bemerkbar:

  • Dort, wo der Mensch organische Defizite mit technischen Mitteln ausgleicht, z.B. mit Brillen, Prothesen, einem Herzschrittmacher oder fremden oder künstlichen Organen, unterwirft er sich den Bedingungen, unter denen diese technischen Hilfsmittel funktionieren. Insbesondere dann, wenn diese Hilfsmittel so gut funktionieren, dass der Mensch ein „normales“ Leben führen kann, wird ein Defekt oder der drohende Defekt eines solchen Hilfsmittels zur existentiellen Bedrohung: Alle Brillenträger, die schon einmal auf einer Reise ihre Brille verloren haben, wissen, wie es ist, wenn ein normalerweise sehr unauffälliges Hilfsmittel plötzlich massiv ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt – und um wie viel beängstigender wird diese Bedrohung, wenn es um wirklich essentielle Hilfsmittel wie künstliche Gelenke oder einen Herzschrittmacher geht. Das Fehlen aller Vorkehrungen für ein Leben mit dem Defizit, das scheinbar technisch ausgeglichen ist, entpuppt sich als Falle.
  • Aber die Tendenz geht ja nicht nur zur Ausbesserung von organischen Defiziten, sondern auch zu grundsätzlichen „Verbesserungen“ der im Menschen angelegten Vermögen durch die Technik. Vergleichsweise unspektakuläre Operationen wie z.B. die Implantierung von Chips zur Bestimmung des eigenen Standorts per GPS oder zur Identifikation im Kontext von Zutrittskontrollen, aber auch alle Eingriffe der plastische Chirurgie, die die natürliche Gestaltung des Äußeren eines Menschen den eigenen, oft aus der Gesellschaft übernommenen Vorstellung entsprechend verbessern sollen, machen den Menschen davon abhängig, dass diese Techniken fehlerfrei funktionieren, dass die technischen Eingriffe zur Verbesserung gelingen, dass auch im Nachhinein die technischen Versprechungen sich nicht ins Gegenteil verkehren. Insbesondere die plastische Chirurgie zeitigt ja immer wieder Beispiele von Eingriffen, die sich im Nachhinein aus verschiedensten Gründen als
    sehr viel problematischer herausgestellt haben als im Vorhinein angenommen.

Die Liste solcher Beispiele ließe sich leicht noch verlängern. All diese Phänomene der „Cyborgisierung“, die vom Aufbruch des Menschen in den Transhumanismus (vgl. dazu z.B. Philipp von Becker: Der neue Glaube an die Unsterblichkeit: Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus. Wien 2015) zeugen, zeigen, dass dann, wenn die Technik dem Menschen zu sehr auf und unter die Pelle rückt – dies kann im übertragenen und im wortwörtlichen Sinn verstanden werden; gerade die Medizintechnik bringt die technischen Apparaturen unter die Haut, also in den sensibelsten Intimbereich des Menschen -, neben den gewünschten und sicher auch in sehr viele Fällen sehr sinnvollen Effekten die Technisierung des Menschen auch Unsicherheit durch die Unterwerfung unter die  Bedingungen der Technik hervorruft – ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf die eigene Identität, wenn z.B. fremde Organe im eigenen Körper leben (vgl. dazu Jean-Luc Nancy: Der Eindringling. Das fremde Herz. Berlin 2000).

Die sehr intelligente und beeindruckende britische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“, die seit 2011 ausgestrahlt wird, zeigt dystopisch auf, wohin ein verstärkter Einsatz von Technik zur Erweiterung menschlicher Möglichkeiten führen kann. Freilich bewegt sich diese Serie bzgl. der Cyborgisierung noch weitgehend tatsächlich im Bereich des Science-Fiction, bringt aber – teilweise überspitzt – auch Tendenzen aktueller Entwicklungen anschaulich zum
Ausdruck.

Doch Technik dringt nicht nur in Form von Cyborgisierung in den menschlichen Alltag. Insbesondere die zunehmende und teilweise schon totale Digitalisierung bedroht Privatheit und Selbstbestimmung des Menschen. Die Integration von digitalen Techniken in das tägliche Leben hat heute ein Maß erreicht, das den Ausfall dieser Techniken zu einem GAU werden lässt. Sowohl im privaten wie im beruflichen Leben geht kaum noch etwas, wenn die digitalen Techniken nicht mehr nutzbar sind – was immer dann deutlich wird, wenn einzelne dieser Techniken ausfallen. Darüber hinaus schränken Missbrauchsphänomene wie die Gefahr des Cybermobbing, die zunehmende Enthemmung in sogenannten sozialen Medien, Diebstahl persönlicher Daten und Betrug im Bereich des E-Commerce die Möglichkeiten der sicheren Nutzung dieser Techniken und damit auch die Freiheit des Menschen weiter ein.

Das Wesen des Menschen ist nichts Technisches, sondern basiert auf Freiheit. Die eigene Freiheit, der Eigensinn des Menschen ist ein Faktum der Erfahrung. Das wissenschaftlich-technische Paradigma hat keinen Raum für ein freies, nach Sinn suchendes und sich um sich selbst sorgendes Individuum. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist im wissenschaftlich-technischen Paradigma nicht nur nicht zu beantworten, sondern nicht einmal sinnvoll zu stellen. Es ist ja gerade der Wissenschaft und Technik wesentlich, dass sie keine Freiheit und keine lebensweltliche Unbestimmtheit kennt.

Das gilt übrigens auch für Grenzbereich der Physik, in denen das Konzept der Determiniertheit zunächst einmal gebrochen erscheint – also z.B. in der Quantenmechanik und der Chaostheorie. Soweit letztere ein Thema der Wissenschaften ist, ist die Rede vom deterministischen Chaos. Ein chaotisches System wie beispielsweise das Doppelpendel verhält sich nicht entgegen der Gesetze der Newtonschen Mechanik. „Chaotisch“ ist das Doppelpendel ja deshalb, weil die Bestimmung des Ausgangszustandes nicht so weit möglich ist, dass der Effekt der sensiblen Abhängigkeit von den Ausgangsbedingungen, die ein solches System zeigt, irrelevant werden würde. Und auch in der Quantenmechanik gelten – nach heutigem Stand der Erkenntnis – Gesetze. Nur sind dies oft Wahrscheinlichkeitsgesetze, deren Berücksichtigung in der alltäglichen Lebenswelt nicht habituiert ist und vermutlich auch nicht sinnvoll wäre.

Schließlich muss auch konstatiert werden, dass es für den Glauben an die Gültigkeit des wissenschaftlich-technischen Paradigmas überhaupt keinen wissenschaftlich-technisch Grund gibt. Dieser Glaube zeigt Strukturen klassischer Erlösungsreligionen mitsamt dem Vertrauen in undurchschaute und undurchschaubare Zusammenhänge – die vielen kleinen und großen black boxes der Technik sind die Tabernakel des modernen Menschen, denen man sich in vielen Fällen nur mit äußerstem Respekt nähert und/oder nähern darf. Gerade angesichts drängender Krisen wie der Klimakrise oder der COVID-19-Pandemie ist zu beobachten, dass insbesondere von der Politik, aber auch von der gesamten Gesellschaft die unhinterfragte Akzeptanz von Autoritäten steigt und auch gefordert wird. Immer mehr wird deutlich, dass die Hohepriester der wissenschaftlich-technischen Zivilisation Wissenschaftler und Techniker sind. Der Ruf nach mehr politischer und gesellschaftlicher Macht für Wissenschaftler und Techniker bedeutet eine demokratietheoretische Herausforderung ersten Ranges (vgl. z.B. Mriam Lau: Ist das unser neuer Kanzler? In: Die Zeit Nr. 13/2020 vom 19.3.2020) und beruht oft nicht zuletzt auf einem naturalistischen Fehlschluss in abgewandelter Form – dass nämlich diejenigen Personen, die wissen, wie etwas ist, auch diejenigen Personen sein sollten, die vorgeben, wie etwas zu sein hat. Natürlich sollte jede Handlung und jede Handlungsempfehlung auf der Basis des zur Verfügung stehenden Wissens erfolgen – insbesondere dann, wenn diese Handlungen oder Handlungsempfehlungen sehr weitreichende Folgen haben. Aber die Meinung, dass wissenschaftliche Erkenntnis oder technische Fertigkeit allein ausreichend ist, um im privaten oder öffentlichen Bereich vernünftig agieren zu können, bedeutet eine Verkennung des wesentlichen Unterschieds zwischen Erkenntnis und Handlung.

Plädoyer für einen Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit
des Lebens

Vor dem jetzt dargestellten Hintergrund scheint es nicht sinnvoll zu sein, an dem wissenschaftlich-technischen Paradigma als alleinigem Paradigma des theoretischen und praktischen Weltzugangs festzuhalten. Dieses Paradigma ist dem Menschen in seiner Vieldimensionalität nicht angemessen und verspricht keine Lösung aktueller Bedrohungsszenarien (z.B. Angst vor Klimawandel oder Infizierung durch das SARS-CoV-2-Virus, Angst vor Konfrontation mit fremden und dem eigenen widersprechenden Lebensentwürfen, Angst vor dem Verlust von sozialem Status und Lebensqualität durch Digitalisierung, Globalisierung, Migration). Kurz: Der expansive, auf dem wissenschaftlich-technischen Paradigma beruhende Kontrollbegriff scheint in vielen Fällen nicht (mehr) geeignet zu sein, das gewünschte und für ein zufriedenes und zufrieden stellendes Leben notwendige Maß an gefühlter Sicherheit zu vermitteln.

Um die Frustration der Unsicherheit zu vermeiden, also letztlich aus Gründen der Psychohygiene und unter Anerkennung von unabänderbaren Grundgegebenheiten des menschlichen Lebens scheint daher das Plädoyer für die Anerkenntnis eines wesentlichen Maßes an Unkontrollierbarkeit im Leben und damit auch für den Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens angemessen zu sein.

Gleich zu Beginn dieses Plädoyers ist wichtig zu betonen, dass dies nicht Technikfeindlichkeit oder Antiwissenschaftlichkeit bedeutet. Ganz im Gegenteil: Es war z.B. Immanuel Kants Anliegen, die Grenzen der Erkenntnis aufzuzeigen – dieses Programm hat Kant vor allem in seiner ersten der drei Kritiken, nämlich der Kritik der reinen Vernunft (Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Riga, (2)1787) ausgearbeitet. Innerhalb des Bereich dessen, in dem Erkenntnis möglich ist, hat er leidenschaftliche Forschung gefordert. Wir sollen, so Kant, der Natur so begegnen, als ob wir sie vollends mit den Wissenschaften durchschauen könnten – freilich eingedenk und im Bewusstsein der Tatsache, dass die menschliche Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist und manche Fragestellungen prinzipiell nicht mit Mitteln der Erkenntnis beantwortet werden können. Es geht also um Grenzziehung des Bereichs eines sinnvollen Einsatzes von Wissenschaft und Technik, nicht um die Abschaffung oder einen Verzicht auf Wissenschaft und Technik.

Die Beherzigung und Umsetzung dieses Programm bedeutet nun eine Neubesinnung auf die Bedeutung von Vernunft und Vernünftigkeit. Legt man Kants Differenzierung zwischen Verstand und Vernunft als unterschiedlichen Erkenntnisvermögen zugrunde, so ist die Abkehr von der im Rahmen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas übliche rationalistischen Verkürzung von Vernunft auf Verstand geboten. Der Verstand ist nach Kant „nur“ das Organ der (wissenschaftlichen) Erfahrungserkenntnisse, aber nicht das einzige und auch nicht das höchste Erkenntnisvermögen – und schon gar nicht das Vermögen, das Sollensaussagen, also Aussagen mit praktischer Lebensrelevanz machen kann.

Der Existenzphilosoph Karl Jaspers hat vor diesem Hintergrund den Vorrang des Denkens im Sinne eines vernünftigen Denkens immer wieder betont – und zwar den Vorrang dieses Denkens vor blindem religiösen oder wissenschaftlichem Glauben und den damit verbundenen Verheißungen insbesondere auf Leitung und Sicherheit des täglichen Lebens sowie auf Kontrollierbarkeit des Verlaufs dieses Lebens. Aus diesem Verzicht folgt auch die Forderung nach einem Aushalten und Ertragen von Unklarheiten im Denken und eben die Akzeptanz davon, dass das Leben mit Unsicherheit und Unkontrollierbarkeit verbunden ist. Daneben bedeutet es dann auch die Einsicht, dass vernünftiges Denken und wissenschaftlich-technisches Denken nicht identisch sind.

Hilfreich und aufschlussreich erscheint in diesem Kontext eine Rückbesinnung auf die drei Grundfragen von Immanuel Kant (vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Riga 2 1787, S. 833), die für ihn hinführten auf die fundamentale Frage danach, was der Mensch sei (vgl. Immanuel Kant: Logik. Darmstadt 1958, S. 448 (= Akademie Ausgabe Bd. IX, S. 25).

  • Kants erste Frage, nämlich „Was kann ich wissen?“, ist die Frage, die er in seiner ersten Kritik, der Kritik der reinen Vernunft, zu beantworten versucht. Die Frage fragt nach den Grenzen der Erfahrungserkenntnis, damit fragt sich aber auch nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis basierend auf Erfahrung und nach den Grenzen des Gegenstandsbereichs, in dem diese Erkenntnis möglich ist und in dem dann auch nicht eher mit dem Fragen aufzuhören ist, als solche
    Erkenntnis tatsächlich gefunden ist. Da nun das Agieren im Rahmen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas auf den Bereich der Erfahrungserkenntnis beschränkt ist, sind mit den empirischen Methoden des wissenschaftlich-technischen Paradigmas nur die Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen, die in den Gegenstandsbereich des auf der Basis der Empirie Wiss- und Erkennbaren gehören.
  • Bei Kant fragt die Frage „Was soll ich tun?“ nun gerade nicht nach einem Gegenstand der Erfahrungserkenntnis. Die Frage nach dem Sollen ist keine Frage, die der Verstand als das Vermögen der Erfahrungserkenntnis beantworten könnte, sondern ist eine Frage, auf die Antworten nur aus dem Bereich der praktischen Vernunft kommen können. Kant ist davon überzeugt, dass diese Frage ausschließlich unter Rückgriff auf den Kategorischen Imperativ (vgl. Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Darmstadt 1956, S. 28), der seiner Meinung nach das Grundgesetz der praktischen Vernunft darstellt, beantwortet werden kann. Alle anderen Versuche einer Antwort führen in die Irre. Folgt man Kant in der Auffassung, dass die praktische Vernunft eigenen, von denen des Verstandes unterschiedenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt – dabei muss man freilich auch gar nicht mit Kant der Meinung sein, dass der Kategorische Imperativ das Grundgesetz der praktischen Vernunft darstellt ,- dann können Wissenschaften grundsätzlich keine Antworten auf die Frage nach einem Sollen liefern. Die Erkenntnisse, die den Wissenschaften entspringen, können ein Fundament sein, damit überhaupt – um mit Kant zu sprechen – der Kategorische Imperativ sinnvoll verwendet werden kann. Ohne hinreichende Kenntnisse von der Welt kann nicht entschieden werden was es heißen soll, dass ich „niemals anders verfahren [soll], als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden“ (ebd.). Aber Erfahrungserkenntnis allein kann diese Einschätzung auch nicht ersetzen. Letztlich muss die Einsicht in das Sollen und vielmehr noch dem daraus folgenden Handeln eine Form von existentiellem Entschluss zugrunde liegen. Ein solcher Entschluss kann sich nicht (allein) auf wissenschaftliche Erkenntnis gründen.Bei der Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sollen eines Tuns sind vernünftige Überlegungen wesentlich, die sich orientieren an Glaubenssätzen, akzeptierten Normen und Werten, natürlich auch an Fakten, aber vor allem eben auch an eigenen existentiellen Überzeugungen und daraus sich ergebenden Entscheidungen. Argumentation und Überzeugung sind bei der Beantwortung der Sollensfrage essentiell, Wissen und Erkenntnis nur zweitrangig.
  • Schließlich stellt Kant auch die Frage „Was darf ich hoffen?“. Bei Kant ist die Antwort auf diese Frage religiös überwölbt – denn Kant war ja entgegen der landläufigen Meinung eben kein Atheist, sondern verfolgte sogar das erklärte Ziel, „das Wissen aufzuheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Riga 2 1787, S. XXX): Durch ein gutes Leben erwirbt man sich die Würdigkeit, der Glückseligkeit im Reiche Gottes teilhaftig zu werden.
    Auch wenn man Kant nun in seiner religiösen Antwort auf die Frage nach dem Hoffen nicht folgen will, so muss man doch konstatieren, dass Kant durch die Grenzziehung um den Bereich des Wissens auch den Raum für das Mögliche, aber nicht oder noch nicht Wirkliche eröffnet hat. Kants Überzeugung von der Freiheit des Menschen, für die es notwendig ist, dass der Mensch nicht den Gesetzen der Kausalität unterworfen ist – was wiederum aus Kants theoretischer Philosophie folgt –, macht die Gestaltung der Zukunft möglich und nötig. Und da diese Gestaltung der Zukunft auf der Grundlage einer Kausalität aus Freiheit (vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Riga 2 1787, S. 566 ff.) ein Fundament des Wissens braucht, ist auch die Frage danach, was wir hoffen dürfen, bis zu einem gewissen Grade davon abhängig, was wir wissen – aber auch in einem wesentlichen Grade davon unabhängig. Freiheit ermöglicht die Entwicklung von Visionen und Utopien für ein erfülltes Leben auf Erden, d.h. für ein Leben in der menschlichen Gemeinschaft mit allen damit verbundenen Herausforderungen und Verpflichtungen.
    Ernst Bloch hat für dieses Prinzip den Terminus docta spes geprägt. Er meint damit eine gelehrte, begriffene und unterrichtete Hoffnung, für die es auch Realisierungsmöglichkeiten gibt – und nicht das Hoffen auf das nahezu Unmögliche und absolut Unwahrscheinliche wie einen großen Lottogewinn. Insbesondere ist docta spes ein Aktivitätsprinzip: Es geht darum, auf der Basis des vorhandenen Wissens Möglichkeitsräume aktiv zu erschließen und so die Hoffnung auf ein Gelingen des Unterfangs zu begründen – ganz im Sinne von Kants oder auch Jaspers’ vernünftigen Denken als Basis für ein Sollen und für Entscheidungen.
    Also auch der Utopist Bloch, dem aufgrund des Titels seines monumentalen Hauptwerks Das Prinzip Hoffnung oft Passivität unterstellt wird, ist überzeugt davon, dass wissenschaftliche Erkenntnis notwendig ist – um nämlich eine begründete Hoffnung entwickeln zu können. Aber gleichzeitig weiß Bloch, dass alles Hoffen auch scheitern kann – auch wenn es „ins Gelingen verliebt“ (Ernst Bloch: Das Prinzp Hoffnung. Frankfurt 1985, S. 1.) ist.

Der Rückgriff auf die Kantischen Fragen und der Hinweis auf Antworten auf diese Fragen sollte nun – ganz im Sinne Kant, der ja diesen Fragen die grundsätzliche Frage „Was ist der Mensch?“ hat folgen lassen und der in den Antworten auf seine drei spezifischeren Fragen auch Hinweise auf eine Antwort auf die grundsätzliche Frage nach dem Menschen suchte – plausibilisieren, warum es neben den geschilderten Brüchen im Glücksversprechen des wissenschaftlich-technischen Paradigmas auch gute, direkt aus der Verfasstheit des Menschen stammende Gründe gibt, sich von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens zu verabschieden. Weiterhin folgt insbesondere aus der Philosophie Kants, dass dieser Abschied nicht mit Antiwissenschaftlichkeit einher geht, sondern der Wissenschaft im menschlichen Dasein ein wichtiger Ort gebührt, dass aber das menschliche Leben letztlich nicht der wissenschaftlich-technischen Kontrolle unterliegt, ihr nicht unterliegen kann und ihr auch nicht unterliegen sollte. Schließlich: Dass der Glaube an die allgemeine Gültigkeit des wissenschaftlich-technischen Paradigmas selbst nicht wissenschaftlich verständlich gemacht werden kann und daher diesem Paradigma widerspricht.

Angesichts der (Zumutung der) Unkontrollierbarkeit des Lebens ist in der Lebensführung eine „Ethik der Gelassenheit“ zu entwickeln, wie sie beispielsweise in der Ethik der antiken Stoiker angelegt ist. In einer solchen Ethik der Gelassenheit muss es darum gehen, angemessen das Unabdingbare zu akzeptieren, das Mögliche zu denken und an der Realisierung des Wünschenswerten zu arbeiten. Denn insbesondere die Verkennung dessen, wie weit die Kontrollmöglichkeit des Menschen wirklich reicht, führt zu Hybris und danach zwangsläufig zum Fall. Lucius Annaeus Seneca schrieb in diesem Sinne in seinen Epistulae morales:

„Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es.“ (Lucius Annaeus Seneca: Briefe an Lucilius. München 2001, S. 45 (Brief Nr. 107))

Seneca appelliert mit diesem Hinweis an die Akzeptanz eines nicht wissenschaftlich-technisch überhöhten, sondern eines Kontrollbegriffs, der im Gegensatz zum oben als expansiv charakterisierten Kontrollbegriffs als demütig bezeichnet werden kann.

Dieser demütige Kontrollbegriff beschränkt das Streben nach menschlicher Kontrolle auf den Bereich, den der Mensch wirklich (absolut) kontrollieren kann – und das ist sein „Innenleben“. Jeder Mensch kann kontrollieren, was er glaubt, was er will, welche Überzeugungen er annimmt oder ablehnt. Im Außenbereich gibt es für den Menschen keine absolute Kontrolle und damit auch keine absolute Sicherheit: Er kann nicht kontrollieren, ob der Zug pünktlich ankommt, ob er seinen Job behält, ob seine Argumente überzeugend auf andere wirken, ob er glaubwürdig und wahrhaftig erscheint. Krisen und Naturkatastrophen wie z.B. die COVID-19-Pandemie, die plötzlich und unvorhergesehen in das menschliche Leben einbrechen und den Schein vermeintlicher Sicherheiten schnell entlarven, konfrontieren den Menschen immer wieder mit seiner beschränkten Kontrollfähigkeit.

All das heißt aber gerade nicht, dass der je einzelne Mensch nicht zur Erreichung seiner Ziele beitragen kann. Ganz im Gegenteil: Da das Leben jeden Tag erneut geführt werden muss und nicht einfach abläuft, ist es nie zu spät, aktiv zu werden und sich dem Wagnis der Unkontrollierbarkeit auszusetzen. Das Festhalten an der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens läuft Gefahr, in eine Don-Quichoterie abzugleiten – also wie der Kampf gegen Windmühlen viel Kraft zu kosten und von den eigentlich wichtigen Fragestellungen abzulenken.

Gerade die Akzeptanz der Beschränktheit der eigenen Kontrollfähigkeit und der eigenen Mächtigkeit kann Energien für eine positive Gestaltung des eigenen Lebens und der Entwicklung der Gesellschaft frei setzen und einen Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung einer besseren Welt sein.

Der US-amerikanische Freiheitsrechtler Martin Luther King Jr. schilderte am 28.8.1963 in seiner bekannten „I have a dream“-Rede in Washington D.C. seine Vision von einem freien und gerechten Amerika – und wie Ernst Bloch ging es auch Martin Luther King Jr. nicht darum, einfach im Sessel zu sitzen und zu träumen oder zu hoffen. Beiden ging es darum, die Verwirklichung der eigenen Ideen konkret anzupacken, dafür zu arbeiten und die richtigen Wege zu suchen. Beide verteufelten dabei nicht Wissenschaft und Technik – waren sich aber auch bewusst, dass Wissenschaft und Technik allein sie nicht ans Ziel führen würden, sondern Argument und Überzeugung, auch Fehler und Einsicht in die Fehler. Deswegen scheint die Hoffnung berechtigt, dass weder Bloch, noch King Einwände dagegen hätten, hier als Gewährsmänner für das Plädoyer für den Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens angeführt zu werden.